Teil II - Kapitel 1


Die Ebene von Ewig-Eis


Ein eisiger Wind peitschte Sheliese so stark ins Gesicht, dass ihre Augen tränten und es ihr kaum möglich war, sie offen zu halten. Sie zog sich ihren Schal bis über die Nase, denn die Luft, die sie atmete, erwärmte sich kaum und die kleinen gefrorenen Schneekristalle stachen wie Nadeln in ihrer Lunge und auf ihrer Haut. Schützend hielt sie eine Hand in Augenhöhe und stellte dankbar fest, dass die dicken Fellhandschuhe zusammen mit dem Umhang und den Stiefeln ihren Zweck erfüllten. Der Schulleiter von Ghostwar, Merten Didericus, hatte wie so oft Recht gehabt. Sie sah sich um.

Sie standen am Rande einer Klippe aus Schnee und Eis und tief unter ihnen brachen sich hohe schwarze Wellen in schäumender Gischt an der Steilküste. Der Schneesturm färbte den Himmel in ein tristes Grau, und wenn man vielleicht 50 Meter weit sehen konnte, dann war das schon übertrieben.

Sheliese hatte ihren Arm noch in den des Schulleiters eingehakt, der genau wie sie einen Moment brauchte, um sich zu akklimatisieren.

 

     »Hier, damit wird es besser gehen.« Seine Stimme wurde fast vollständig vom Wind verschluckt. Er reichte Sheliese eine Brille mit großem Sichtfenster. Eilig befolgte sie seinen Rat und es schaffte ihr sofort Erleichterung. Noch nie in ihrem Leben hatte sie eine solch trostlose Gegend gesehen. Etwas daran erinnerte sie an die Ebene, die sie in ihrer Vision unter der Höhlendecke gesehen hatte, und bereitete ihr ein beklemmendes Gefühl.

 

     »Wenn du so weit bist?« Didericus musste schreien. »Wir sollten keine Zeit verlieren! Je länger wir stehenbleiben, umso schneller kühlen wir aus.« Kaum hatte er den Satz beendet, ging er auch schon los. Sheliese wollte ihm folgen, doch bereits beim ersten Schritt versank sie knietief im Neuschnee.

 

     »Oh nein, bitte nicht! Das fängt ja gut an ...«, keuchte Sheliese und erinnerte sich daran, was ihr der Schulleiter über die Besonderheiten der Insel erzählt hatte, als er ihr offenbarte, dass sie ihre Ausbildung keineswegs wie die anderen Schüler in Ghostwar, sondern auf einer Insel im ewigen Eis — in der Obhut eines mysteriösen Volkes — beenden würde:

 

     »Wir können zwar auf die Insel teleportieren, aber nur in einen 500 Meter breiten Streifen, der sie entlang der Küste umgibt. Es gibt dort eine Teleportationsgrenze. Von da an müssen wir den ersten Teil der Reise mit einem Schlitten zurücklegen und später zu Fuß weiter gehen. Wenn alles gut geht, müssten wir in drei Tagen unser Ziel erreicht haben … Mit dem Überschreiten der Teleportationsgrenze legt man ein Schweigegelübde ab, was bedeutet, dass man während der Reise keinen Laut mehr von sich geben darf, egal, was unterwegs passiert. Bricht man das Schweigen, so verlängert sich der Anreiseweg für jedes gesprochene Wort um einen ganzen Tag.«

 

     »Drei Tage, wenn alles gut geht«, hatte er gesagt. Die ersten Schritte waren schon eine Katastrophe, wie sollte sie das drei Tage lang durchhalten? Und wo war überhaupt der Schlitten, von dem er gesprochen hatte?

Sie marschierten gebeugt gegen den Wind und bei jedem Schritt schwand das bisschen Hoffnung, das sie hatte, immer mehr.

»Worauf hast du dich da eingelassen, Sheliese, du bist tot, bevor du einen von denen zu Gesicht bekommen hast«, schimpfte sie in sich hinein.

 

Wie lange waren sie überhaupt schon unterwegs? Die Sonne schien hier nicht zu existieren und folglich hatte Sheliese jegliches Zeitgefühl verloren. Didericus sprach kein Wort mehr und sie hielt es für klug, es ihm gleich zu tun. Wahrscheinlich hatten sie diese Teleportationsgrenze, an die das Schweigegelübde gebunden war, schon lange überschritten.

 

»Nur kurz stehen bleiben und durchatmen«, dachte sie müde. Es war, wie Didericus gesagt hatte, der Weg war alles andere als leicht, aber so hatte sie ihn sich dann doch nicht vorgestellt.

 

     »Wir haben es gleich geschafft!«, rief Didericus ihr zu. Er sprach noch, und damit war ihre Vermutung hinfällig. Sie hatten die Grenze noch nicht überschritten, was erschreckenderweise bedeutet, dass sie in der Marschzeit, die Sheliese jetzt schon wie eine kleine Ewigkeit vorkam, noch keine 500 Meter zurückgelegt hatten!

Sie konnte es kaum glauben. Ärgerlich stapfte sie weiter, als sie merkte, dass der Schulleiter keine Anstalten machte, auf sie zu warten.

 

     »Ewig-Eis. Zutreffender kann die Bezeichnung für diesen Ort nicht sein. Wie kann man hier nur leben? Unvorstellbar, dass sich jemand freiwillig dazu entschieden hat«, murmelte Sheliese und gab sich keine Mühe mehr, denn so sehr sie sich auch anstrengte, sie holte Didericus nicht ein. »Was soll‘s, du musst dir deine Kräfte einteilen und solange er in Sichtweite ist ... Wie macht der das nur und das in seinem Alter?«, fragte sie sich.

Plötzlich blieb er stehen und Sheliese schloss keuchend zu ihm auf.

 

     »Professor ... sagten sie nicht etwas von einem Schlitten?«

 

Er nickte und strecke vorsichtig seine Hand aus.

 

     »Hier muss sie sein, die Teleportationsgrenze. Beim letzten Mal habe ich ungefähr auch so lange gebraucht.«

 

Ein hellblaues Licht flackerte um seine Fingerspitzen.

 

     »Warum sind wir nicht direkt bis an die Grenze teleportiert!«, rief Sheliese.

 

     »Du solltest ein Gefühl dafür bekommen, was uns hier erwartet. Wenn wir Glück haben, ist der Sturm gleich vorbei. Das waren bis jetzt jedoch nur äußere Einflüsse.«

 

     »Nur äußere Einflüsse … Professor, ich ...« Doch Didericus ließ sie nicht aussprechen.

 

     »Denke an das, was ich dir gesagt habe: Sobald wir die Grenze überschritten haben, müssen wir schweigen, wir dürfen nur per Handzeichen kommunizieren. Wenn wir unsere Reise hinter der Barriere fortsetzen, werden die Erinnerungen erwachen, und was sich im Kopf abspielt, ist das Unheimlichste an diesem 'Pilgerweg'.« Sheliese nickte bedrückt und schwieg.

»Unsere Zauberstäbe werden wirkungslos sein. Sollten uns wilde Tiere begegnen, ist Furchtlosigkeit unsere einzige Waffe. Egal wie nahe sie kommen oder wie schrecklich sich die Erinnerungen auch anfühlen, du musst schweigen und darfst auf keinen Fall Angst zeigen, sonst greifen sie an. Der Schlitten erwartet uns auf der anderen Seite.« Didericus nahm ihre Hand. »Wir werden es schaffen.«

 

Langsam setzten sie einen Fuß vor den anderen. Das hellblaue Licht war plötzlich überall und blendete Sheliese so stark, dass sie die Augen schließen musste, dann war es still.

Sie nahm nur noch diese eisige Kälte wahr, die langsam, Stück für Stück, in ihr hoch kroch.

Als sie die Augen wieder öffnete, staunte sie nicht schlecht: Der Schneesturm war verschwunden und vor ihr lag sie ... die Ebene von Ewig-Eis, mit ihrer ganz eigenen Schönheit.

 

Der Himmel war stahlblau, es war eigenartig hell und obwohl man keine Sonne sehen konnte, glitzerten die Schneekristalle, die den Boden bedeckten. Das seltsame Licht erlaubte keine Bestimmung der Himmelsrichtungen, man konnte nicht einmal sagen, welche Tageszeit gerade war. Die Luft war kalt und klar. Vor ihnen lag eine einsame Wüste aus Schnee und Eis, nur weit entfernt am Horizont waren weiße Berge zu erkennen. Totenstille, nicht ein Vogel zwitscherte. Das einzige Geräusch waren die Atemzüge von Didericus und Sheliese, und besonders ihre eigenen erschienen ihr außergewöhnlich laut. An der Außenseite ihres Schals, den sie um Mund und Nase gewickelt hatte, siedelte schon eine Vielzahl von Eiskristallen, denn jeder ihrer Atemzüge gefror sogleich. Didericus tippte sie an und zeigte in die Richtung zu seiner Linken. Dort stand er, der versprochene Schlitten. Didericus gab ihr per Handzeichen zu verstehen, dass sie ihm folgen sollte. Jeder ihrer Schritte riss ein Loch in die Stille, die beruhigend, aber gleichzeitig auch unheimlich auf Sheliese wirkte.

 

Als sie sich dem Schlitten näherten, zuckte sie kurz zusammen, denn es war ihr entgangen, dass sie nicht mehr alleine waren. Vor dem Schlitten lagen zehn riesige wolfsähnliche Hunde, neun von ihnen schliefen zusammengerollt und einer hielt Wache. Ihr Fell war schneeweiß und es war viel dichter und länger als das eines gewöhnlichen Wolfes.

Der Wächter hatte sie längst bemerkt. »Kein Wunder bei dem Lärm, den unsere Schritte verursachen«, dachte Sheliese. Er sah ihnen erwartungsvoll entgegen. Seine Augen leuchteten in einem intensiven Blau, es ähnelte dem Licht, das sie beim Überschreiten der Teleportationsgrenze umgeben hatte. Noch nie zuvor hatte sie so ein schönes Tier gesehen. Der Wolf erhob sich und Sheliese blieb wie angewurzelt stehen, denn sie konnte kein Geschirr erkennen und er war um einiges größer als sie vermutet hatte. Keines der Tiere war an den Schlitten gebunden.

Didericus legte seine Hand auf ihre Schulter und sah ihr eindringlich in die Augen. Der weiße Wolf kam langsam auf sie zu, während die anderen erwachten.

Du darfst dich nicht fürchten – Sie verstand den Blick des Schulleiters und verspürte keine Angst, denn immerhin sollten diese Tiere sie ein Stück weit transportieren, warum sollte also Gefahr von ihnen ausgehen?

Der Wolf kam immer näher und sie schätzte, dass sein Kopf über ihre Hüfte reichen musste. Plötzlich blieb er stehen, sein Fell sträubte sich und er gab bedrohlich knurrend die Sicht auf seine Reißzähne frei.

 

»Du musst dich konzentrieren, Sheliese ...«, dachte sie, denn diese Gebärde kam für sie unerwartet. »… Oh je, das klingt nicht gerade freundlich … Bloß nicht sprechen, Sheliese«, ermahnte sie sich. Didericus verstärkte den Druck auf ihre Schulter und es gelang ihr, sich zu sammeln. Sie sah dem Wolf gebannt in die Augen, ihr Blick wurde steif erwidert, während er weiter bedrohlich knurrend auf sie zu schlich. Er umkreiste die Eindringlinge und beschnupperte sie mit seiner großen Schnauze, bevor er direkt vor Sheliese sitzen blieb. Der Rest des Rudels beobachtete alles aufmerksam aus der Ferne. Sheliese atmete tief und ruhig und stellte erfreut fest, dass sie ihre Angst im Griff hatte, obwohl der Wolf augenscheinlich nur Interesse an ihr zu haben schien.

»Vielleicht ist Didericus unbedeutend für ihn, weil er sich noch an seinen Geruch erinnert?«, dachte Sheliese und in dem Moment stieg der Wolf auf seine Hinterbeine, gleichzeitig stemmte er blitzschnell seine Vorderpfoten gegen Shelieses Oberkörper und warf sie mit seinem Gewicht um. Didericus stolperte notgedrungen ein Stück zur Seite. Zum Schreien blieb Sheliese glücklicherweise keine Zeit, denn dafür ging alles viel zu schnell. Der Wolf hatte sie gestellt. Sie lag unter dem riesigen Tier, welches sie mit seinen Vorderpfoten in den Schnee drückte und dabei mit seiner nassen Schnauze fast ihre Nase berührte. Er fixierte sie mit seinen stechenden Augen und sie starrte entschlossen zurück. Didericus stand gezwungenermaßen hilflos daneben, denn ihre Zauberstäbe waren nutzlos, seit sie Grenze überschritten hatten, es blieb ihm nichts anderes übrig, als dem Szenario zuzusehen. Trotz ihrer misslichen Lage war Sheliese beeindruckt von dem Erscheinungsbild des Wolfes und ihr war, als flüstere eine tiefe raue Stimme zu ihr:

 

     "Wer bist du?"

 

»Das bildest du dir ein, Sheliese, die Kälte hat deinen Verstand eingefroren, du darfst nicht antworten, es könnte eine Falle sein.« Das Gewicht auf ihren Schultern nahm zu, der Wolf näherte sich ihrem Gesicht und berührte mit seiner kalten Schnauze den Teil, der nicht verdeckt war. Sheliese schloss instinktiv die Augen, aber seltsamerweise verspürte sie noch immer keine Angst, im Gegenteil. Sie war fasziniert von diesem anmutigen Geschöpf, dessen Schönheit und Stolz sie selbst mit geschlossenen Augen noch wahrnehmen konnte.

 

     "Sieh mich an und sage mir, wer du bist. Deine Gedanken sind sonderbar."

 

»Das kann ich mir unmöglich einbilden, jemand spricht mit mir, definitiv.« Zögernd öffnete sie die Augen. Näher konnte ihr der Wolf nun wirklich nicht mehr kommen, sie roch seinen schlechten Atem und der Geruch war ihr unangenehm, denn er erinnerte sie an rohes, vergammeltes Fleisch.

 

     "Was dachtest du, was wir fressen?" Es sah fast so aus, als würde der Wolf die Stirn runzeln, zumindest kniff er seine Augen leicht zusammen.

 

»Er hört meine Gedanken und ich kann seine verstehen ... das ist ja unglaublich!« Sie versuchte es:

 

     "Mein Name ist Sheliese Savior", dachte sie und konzentrierte sich dabei ganz fest auf den Wolf.

 

     "Na bitte, es geht doch", bekam sie zur Antwort.

 

     "Ein Magifaunus", dachte Sheliese und eigentlich sollte es keine Frage sein, aber der Wolf antwortete:

 

     "Nein. Ich bin, was ich bin."

 

Sie verstand besser denn je, wie wichtig es war, ihr Denken zu kontrollieren. Bisher war es immer ganz allein ihre Entscheidung gewesen, ob sie jemandem von ihren Gedanken erzählen wollte oder nicht, das hatte sich jedoch gerade eben geändert. Den emotionalen Zustand von jemandem mittels Empathie wahrzunehmen oder seinen eigenen preiszugeben, war etwas völlig anderes. Das hier war wesentlich persönlicher und es ging sehr viel tiefer, hier herrschten andere Gesetze. Der Wolf würde jede Erinnerung, die sie auf diesem sogenannten Pilgerweg heimsuchen würde, sehen können, ein unangenehmer Gedanke. Der weiße Wolf zog sich zurück und saß nun wieder vor ihr. Vorsichtig setzte auch sie sich auf und lauschte seinen Gedanken.

 

     "Mein Name ist Eins. Du bist ungewöhnlich. Du musst dich deiner Gedanken nicht schämen."

 

     "Langsam, ich verstehe nicht ... Eins ... Eins mit was?"

 

     "Ich bin Eins von Zehn, dort drüben, das sind Zwei bis Zehn."

 

     "Das sind keine Namen, das sind Zahlen", dachte Sheliese.

 

     "Namen sind hier unwichtig."

 

     "Für mich nicht, jedes Geschöpf hat so etwas wie einen Namen, ich werde dich einfach Schneeblau nennen. Der Name passt zu dir, du bist weiß und hast blaue Augen, so einfach ist das."

 

Schneeblau erhob sich und auch Sheliese stand auf, sie klopfte sich den angefrorenen Schnee von ihrem Umhang.

 

     "Es wird Zeit aufzubrechen, dein Begleiter wartet."

 

Sheliese hatte Didericus fast vergessen.

 

     "Er hat auch einen Namen, Schneeblau, erinnerst du dich nicht an ihn?"

 

     "Natürlich erinnere ich mich an seine Gestalt. Ein Fahrgast, den ich erst kürzlich zur Festung gebracht habe, doch ich kann ihn nicht hören und er mich auch nicht".

 

     "Kürzlich?", fragte Sheliese.

 

Der Wolf legte seinen Kopf zurück und ließ ein lautes Heulen in den Himmel erklingen, bevor er sich abwandte und zu seinen Artgenossen zurück lief, die sich vor dem Schlitten einreihten. Sheliese sah zu Didericus, der sie mit neugierigem Blick musterte. Sie war sich sicher, dass er gerne ihre Gedanken gelesen hätte, doch jeder Zauber war hier wirkungslos, auch Vidērementik. Er konnte nicht wissen, was eben geschehen war, das Erlebnis teilte sie nur mit Schneeblau und sie war froh darüber.

Der Schlitten war gerade breit genug, sodass Sheliese und Didericus nebeneinander auf dem Trittbrett stehen konnten und noch immer trugen die Wölfe kein Geschirr. Sheliese war gespannt, was jetzt passieren würde.

 

     "Gut festhalten, Sheliese Savior", dachte Schneeblau und schon setzte sich das Gespann in Bewegung. Wie von Geisterhand zogen die Wölfe den Schlitten hinter sich her und legten schnell an Geschwindigkeit zu. Der kalte Fahrtwind blies Sheliese ins Gesicht und für einen kurzen Moment fühlte sie sich unbeschwert und frei, dann brach auch schon der nächste Schneesturm über sie herein. Er brachte die ersten Erinnerungen mit, die sich wie ein graues Tuch über den stahlblauen Himmel legten. Das Gespann setzte seinen Weg unbeeindruckt fort, der Sturm war für die Wölfe kein Hindernis. Nach und nach manifestierten sich traurige Bilder und Worte in Shelieses Kopf, sie hörte sich selbst reden, als sie Velvet schweren Herzens an Professor Le Flam übergab.

 

Der Schulleiter stand dicht neben ihr und blickte stur geradeaus, natürlich war er auch von dem Phänomen betroffen. Sie war mit sechzehn Jahren wesentlich jünger als er und hatte dementsprechend weniger erlebt, aber trotzdem war es für Sheliese nur ein schwacher Trost, als sie daran dachte, wie viele schlimme Erinnerungen ihm erst während dieser Reise begegnen mussten. Man sah ihm die Anspannung an und obwohl er es vor kurzem schon einmal durchgestanden hatte, war es sichtlich nicht einfach für ihn.

 

Sheliese hörte wieder eine Stimme, doch diese war ihr bestens bekannt und flüsterte nicht. Sie fühlte sich schuldig und vernahm wehmütig die Worte, die sie unendlich traurig machten.

 

     "Du hast dich so weit von mir entfernt ..." Dann sah sie Salentin vor sich und die verletzenden Gefühle kehrten gnadenlos zurück.

 

     "Salentin ..." Ihre Hände fingen an zu zittern.

 

     "Du musst dich auf dich besinnen, Sheliese, ..." War da gerade noch eine Stimme in ihrem Kopf? Wenn, dann konnte Sheliese sie nicht zuordnen, denn der tobende Schneesturm verzerrte ihren Klang.

 

     "… zeige jetzt keine Angst, du musst dagegen ankämpfen. Glaube fest daran, die Hoffnung lebt in dir und die Liebe gibt dir die Kraft dazu."

 

     "Wer spricht da? Salentin?", dachte Sheliese verwirrt, doch dann sah sich Schneeblau kurz um und seine blauen Augen leuchteten Sheliese durch das Schneegestöber entgegen. Zum zweiten Mal heulte der große weiße Wolf kraftvoll und es war, als würde selbst der Wind vor Ehrfurcht einen Moment lang die Luft anhalten. Jetzt war sich Sheliese sicher, dass es der Wolf gewesen war, der ihr gerade diese tröstlichen Wort zugeflüstert hatte. Etwas gestärkt und zuversichtlich umklammerte sie die Griffe fester, die ihr Halt auf dem dahinjagenden Schlitten gaben.

 

     "Danke, Schneeblau."

 

Sie wusste nicht, wie lange sie mit geschlossen Augen durch den Sturm dahinglitt. Fortwährend musste sie sich den wiederkehrenden Erlebnissen ihrer Vergangenheit stellen und kämpfte eine eigene innere Schlacht, sie spürte, wie sie dabei mehr und mehr abstumpfte. Es war seltsam, ihre Gefühle verloren an Intensität: Was sie auch sah, es wurde ihr gleichgültig und die Erinnerungen verblassten zusehends.

 

     »Nein! Aufhören, anhalten!«, schrie Sheliese laut. Sie hatte es kaum ausgerufen, da kam der Schlitten auch schon zum Stehen und der Sturm löste sich auf. Sie fühlte Didericus' Hand auf ihrer Schulter und seinen beschwörenden Blick. Sie hatte gerade das Gelübde gebrochen, aber was waren schon ein paar Tage, im Vergleich zu sechzehn Jahren. Erschöpft stieg sie von dem Schlitten und ließ sich in den Schnee fallen. Schneeblau gesellte sich zu ihr und Didericus setzte sich entfernt daneben.

 

     "Du kennst die Konsequenzen, Sheliese Savior?", fragte der Wolf und sie nickte.

 

     "Schneeblau, ich fange an zu vergessen!"

 

     "So ist es geplant. Alles, was deine Ausbildung erschweren könnte und der Erfüllung der Prophezeiung nicht dienlich ist, sollte aus deinem Gedächtnis gelöscht werden. Man hat es dir nicht gesagt?"

 

     "Nein!" Sie sah Didericus wütend und misstrauisch an.

 

     "Man nennt die Eiswüste nicht ohne Grund die Ebene der Gefühlskälte. Empfindest du es nicht erlösend?", fragte der Wolf und Sheliese blickte ihn betrübt an.

 

     "Diese Erinnerungen und die damit verbundenen Gefühle, so verletzend sie auch sein mögen, gehören zu mir, Schneeblau. Sie sind ein Teil von mir, denn sie haben mich zu dem gemacht, was ich bin. Es gibt auch schöne Momente in meiner Vergangenheit und ich werde nicht zulassen, dass man alles auslöscht."

 

Schneeblau senkte den Kopf.

 

     "Warum willst du dich so quälen?"

 

     "Weil mir diese Menschen sehr viel bedeuten. Ich weiß nicht, ob ich sie jemals wiedersehen werde, deshalb möchte ich mich an sie erinnern, auch wenn es weh tut. Der Gedanke, sie vollkommen zu vergessen, ist für mich noch unerträglicher. Warum stellst du mir diese Fragen überhaupt? Du selbst hast doch vorhin gesagt, dass ich dagegen ankämpfen soll, du hast mich dabei sogar angesehen."

 

Der Wolf wirkte überrascht.

 

     "Warum hätte ich dich ermutigen sollen, gegen einen Zauber anzukämpfen, der viel zu mächtig für dich ist, kleine Sheliese? Und wie willst du das überhaupt, wo dein Zauberstab hier in der Eiswüste doch wirkungslos ist?"

Sheliese stutzte.

     "Aber wenn du es nicht gewesen bist …?"

 Schneeblau sah sie ratlos an.

      "Was geschieht eigentlich mit ihm?", fragte Sheliese den Wolf und zeigte dabei auf Didericus.

 

      "Auch ihn suchen seine Erinnerungen heim, aber sie werden ihm nicht genommen. Es widerfährt nur dir, denn wie ich schon sagte: Es gehört bereits zu deiner Ausbildung."

 

Sheliese stand entschlossen auf.

 

     "Dann wird dieser Teil eben ausfallen müssen."

 

     "Vielleicht bist du wirklich stark genug, um es zu verhindern, Sheliese, aber bedenke, es wird dir deinen Weg sehr erschweren. Willst du dir das zumuten?"

 

     "Das bin ich mir und auch meinen Freunden schuldig. Ich werde nicht so feige sein und einfach vergessen, was ich getan habe, während sie für den Rest ihres Lebens mit dieser Enttäuschung leben müssen."

 

     "Deine Einstellung ist schwer zu verstehen, aber du bist sehr tapfer", entgegnete Schneeblau.

 

Sheliese stieg wieder auf den Schlitten, doch Schneeblau blieb regungslos sitzen.

 

     "Das wird nicht möglich sein. Von hier an müsst ihr euren Weg zu Fuß fortsetzen. Sobald das Schweigegelübde gebrochen wird, dürfen wir euch nicht mehr bis zur Festung begleiten."

 

Sheliese stutze einen Moment.

 

     "Bis zur Festung? Ist es nicht so, dass ihr uns ohnehin nur das erste Stück des Weges eskortiert hättet? Den Rest hätten wir doch sowieso zu Fuß zurücklegen müssen."

 

     "Nein. Wir hatten den Auftrag, euch direkt dorthin zu bringen, es sei denn, das Schweigen würde gebrochen."

 

Sheliese sah zu Didericus rüber, der abwartend im Schnee saß und in die Ferne blickte.

 

     "Er sagte mir, es würde mit dem Schlitten und zu Fuß eine Reise von drei Tagen sein und dass sich der Weg für jedes ausgesprochene Wort um einen Tag verlängern würde. Hätte ich geschwiegen ... wie lange hätten wir mit dem Schlitten gebraucht?"

 

     "Kaum einen Tag."

 

     "Jetzt sind es drei ... Er hat nicht geglaubt, dass ich es durchstehe, er hat an mir gezweifelt." Unter ihr Misstrauen mischte sich jetzt bittere Enttäuschung.

 

     "Urteile nicht vorschnell, Sheliese, vielleicht kennt er dich und deine Wertvorstellungen nur besser, als du denkst."

 

     "Ja, vielleicht."

 

     "Ich muss euch jetzt verlassen."

 

     "Sehen wir uns wieder, Schneeblau?"

 

     "Davon gehe ich aus."

 

     "Ich danke dir."

 

Der Wolf nickte.

     "Du bist etwas Besonderes, Sheliese Savior."

 

Der Schlitten mit den weißen Wölfen löste sich vor ihren Augen in Luft auf und sie waren auf sich alleine gestellt. Sheliese ging zu Didericus, der noch immer erschöpft im Schnee saß, um ihm auf die Beine zu helfen. Warum hatte er ihr diese für sie lebenswichtige Tatsache verschwiegen? Sie konnte ihn einfach nicht verstehen. Sie machten sich zu Fuß auf den Weg und der nächste Sturm ließ nicht lange auf sich warten. Sheliese stellte sich ihren unsichtbaren Gegnern, eine Erinnerung jagte die nächste, aber sie hielt an ihnen fest.

 

Der Weg wurde immer beschwerlicher, er zehrte an ihren Kräften, doch sie würde nicht aufgeben, jetzt erst recht nicht, wo sie wusste, dass Didericus an ihr Versagen geglaubt hatte. Wenn doch nur der Sturm nachlassen würde. Wie lange waren sie jetzt schon unterwegs? Warum gab es hier keine Sonne? Ihr fehlte das warme Licht und sie hatte unglaublichen Durst, sie brauchte dringend eine Pause.

 

Sheliese hielt Didericus an seinem Umhang fest und gab ihm mittels Handzeichen zu verstehen, dass sie sich ausruhen musste. Als sie zusammengekauert auf dem Boden saßen und der Sturm über ihre Köpfe hinweg tobte, nahm sie verzweifelt eine Handvoll Schnee in den Mund, um den unerträglichen Durst zu stillen, doch sie spuckte ihn sofort wieder aus. Der Schnee schmeckte bitter, er war ungenießbar. Sie fühlte sich ausgelaugt und zitterte vor Erschöpfung. Auch an Didericus gingen die Strapazen nicht spurlos vorüber, seine Augen waren trüb und entfremdet. Sie mussten weiter, sie würden sonst zu sehr auskühlen.

 

Plötzlich flaute der Sturm ab, genau im richtigen Moment, denn es spornte die beiden an, wieder aufzustehen. Die Sicht wurde klarer und Sheliese erkannte, dass sie der Bergkette am Horizont ein großes Stück näher gekommen waren. Irgendwo dort musste sie sein, die Festung, die auf unbestimmte Zeit ihr Gefängnis sein würde.

 

Sie setzten ihren Weg fort und erreichten nach ungewisser Zeit den Rand der Bergkette, die ebenfalls nur aus Schnee und Eis zu bestehen schien. Das Ziel war noch nicht erreicht, Sheliese wusste es sicher, denn ihre gedankliche Reise war noch nicht zu Ende. Merten Didericus sichtete die Gletscherwand und schüttelte den Kopf. Sie gingen weiter an ihr entlang, während er unaufhörlich das Eis prüfte, bis er irgendwann auf eine Spalte zeigte, die sich in einiger Entfernung vor ihnen in der steilen Wand auftat. Sie zwängten sich hindurch und fassungslos sah Sheliese, was als nächstes auf sie zukam: Der Weg führte allem Anschein nach durch die Gletscherspalte nach oben, von hier an mussten sie klettern. Sie wünschte sich den Sturm und die Ebene zurück -- wenn es auch kein einfacher Weg gewesen war, so war er doch nichts im Vergleich zu dem, der vor ihnen lag. Didericus ließ ihr den Vortritt, wahrscheinlich, um sie festhalten zu können, falls sie abrutschen sollte. Langsam, Schritt für Schritt stieg und tastete sich Sheliese in der Wand nach oben. Sie fand mit ihren schweren Stiefeln und den pelzigen Handschuhen kaum Halt in den kleinen Löchern, die entweder in das Eis geschlagen oder einfach eine glückliche Laune der Natur waren, sie wusste es nicht.

 

»Nicht nach unten sehen, Sheliese«, ermahnte sie sich still, nachdem sie ein ganzes Stück geklettert waren und sich ihrer Meinung nach bereits in beachtlicher Höhe befinden mussten. »Konzentriere dich, Sheliese!« Und ungewollt tauchte sie wieder in Gedanken in die Vergangenheit ein. Sie hielt inne, denn sie konnte den Weg vor sich nicht mehr genau erkennen, die Bilder in ihrem Kopf trübten ihren Blick für den Klettersteig erheblich. Sie versuchte es weiter, und dann passierte es: Sie verlor den Halt und rutschte ab. Es gab kein Halten mehr, sie schloss ihre Augen und biss sich reflexartig auf die Zunge, um nicht zu schreien. Ein dumpfer Schmerz durchzuckte sie, aber es kam kein Laut über ihre Lippen. Auf dem Bauch rutschte sie in der Eisspalte abwärts, bis sie auf Didericus traf, der es gerade noch schaffte sie zu bremsen und sich selbst dabei festzuhalten. Dankend nickte sie ihm zu. Sie fühlte eine warme Flüssigkeit in ihrem Mund und der leicht metallische Geschmack verursachte ihr sofort Übelkeit. Hektisch zog sie ihren Schal beiseite und spuckte aus. Sie musste unweigerlich an abstrakte Kunst denken, als sie die Blutspritzer im weißen Schnee betrachtete. Sie sah sich nicht mehr um und kletterte augenblicklich weiter. Stur hielt sie ihren Blick nach oben gerichtet und versuchte sich blinzelnd die Sicht frei zu halten. Langsam aber sicher gewöhnte sie sich an den Aufstieg und stellte sich immer geschickter an, als sie entfernt ein dumpfes Grollen hörte. Sie konnte nicht ausmachen, was es war und wo genau es herkam. Sie stoppte und wandte sich mit fragendem Blick an Didericus, der dicht hinter ihr war.

 

Das letzte, was sie sah, waren die weit aufgerissenen Augen des Schulleiters, der so schnell es ging das letzte Stück auf sie zu kletterte und sie dann mit seinem Körper gegen die Eiswand drückte, bevor alles um sie herum weiß wurde und die Schneelawine pfeifend über sie hinweg rollte. Krampfhaft hielt Sheliese sich fest, wo es nur ging. Sie bekam kaum Luft, der Windsog und der Schnee hinderten sie am Atmen und immer wieder wurde sie hart von Eisbrocken getroffen. Das ohrenbetäubende Grollen schwoll mehr und mehr an.

 

»Das war‘s, hier endet unser Weg«, dachte sie, denn sie spürte, dass sie sich nicht mehr länger würde festhalten können. Da war es auch schon vorbei. So schnell, wie die Lawine aufgetaucht war, war sie auch wieder verschwunden.

 

Didericus hustete sich die Atemwege frei. Sheliese keuchte erleichtert, sie hatten es geschafft. Sie harrten eine Zeit lang regungslos aus, um neue Kraft zu schöpfen, insofern das möglich war, denn alleine den Halt in dem steilen Hang zu bewahren, war schon anstrengend. Mit letzter Kraft erreichten die beiden eine rettende Plattform, die, wie es aussah, künstlich im Eis angelegt war.

 

Sie befanden sich in einer Art Gletschergrotte und nur noch ein schmaler Spalt weit über ihnen ließ sie den Himmel erahnen. In ihren Gedanken sah Sheliese jetzt zwei Gestalten, die nur schemenhaft zu erkennen waren. Es war ihr immer wiederkehrender Traum — die erste Erinnerung in ihrem Leben und die einzige, die sie an ihre Eltern hatte —, und auf dieser Reise sollte es die letzte Erinnerung sein, von der sie heimgesucht wurde. Sheliese und Didericus hatten ihr Ziel erreicht.

 

Sheliese fühlte eine Geborgenheit, die vollkommener nicht sein konnte. Wärme, die ihr Herz erfüllte, als die Hand sanft ihre Wange berührte. Liebe, bedingungslose Liebe. So musste sie sich anfühlen. Das warme, weiße Licht hatte sie komplett umschlossen ...