Teil I - Kapitel 1


Eines Nachts, im Hohen Wällerwald ...


     »Wenn die Diamanten vom Himmel fallen, wird sie erwachen und der, der da Schmerz und Schrecken sät, sei gewarnt und halte sich bereit zu ernten seine verdorbene Frucht«, hauchte Alwana überwältigt und zitierte damit die letzte Passage einer sehr alten und verheißungsvollen Prophezeiung. Währenddessen fuchtelte sie hektisch mit ihrem Zauberstab über das Pergamentpapier, das mittels eines Schwebezaubers vor ihr in der Luft ruhte, um die seltene Sternenkonstellation, die sich in dieser Nacht am Firmament abzeichnete, im Auftrag des Magisch Konus' zu

katalogisieren.

     »Und das hier, in Wildseelenstein! Im Wällerwald! Ich hätte es nicht für möglich gehalten!«, rief sie aufgeregt.

Der Kometenschwarm, der gerade an der Erde vorbei zog, war in seiner Größe einzigartig, und aus dem Vorgarten des kleinen Hauses, in dem Alwana – etwas abseits des Örtchens Wildseelenstein – lebte, war er besonders gut zu sehen. Kein Wunder: Schließlich befand sich ihr Heim relativ zentral auf dem basaltigen Höhenschwerpunkt des Mittelgebirges, das ansonsten mehr eine mit Wäldern versehene und wellige Hochfläche war.

     »Deshalb haben sie dich wohl auch damit beauftragt ...«, schlussfolgerte Alwana etwas wehmütig, ließ ihren Zauberstab dabei aber keine Sekunde ruhen. »Wer sonst außer dir lebt hier schon so völlig allein und abgeschieden ... ohne Familie.«

Ihre Gedanken schweiften für einen kurzen Moment ab, aber schon kurz darauf rief sie voller Enthusiasmus:

     »Es ist wahr ... als würden Diamanten vom Himmel fallen!«

Sie arbeitete mit Hochdruck weiter, bis ihr plötzlich auffiel: Etwas am Himmelszelt stimmte nicht ... In dem Meer aus Sternschnuppen wurde eine Unregelmäßigkeit sichtbar …

     »Was ist das ...«, hauchte Alwana und kniff die Augen zusammen. Es dauert einen Moment, bis sie erkannte und verstand, was sie am Himmel sah: Eine ungewöhnlich große Sternschnuppe kam auf die Erde zu und diese war ganz deutlich nicht so blitzartig unterwegs wie die anderen, sonst wäre sie ihr kaum besonders aufgefallen. Sie kam näher ... wurde größer und größer …

     »Die ist ja riesig ...«, flüsterte Alwana und schrie sogleich: »Sie verglüht ja überhaupt nicht! Sie wird einschlagen! Was? Hier?!«

Alwana stand wie angewurzelt vor ihrem Pergament und ließ völlig erschrocken ihren Zauberstab fallen. Die Sternschnuppe näherte sich Wildseelenstein, doch seltsamerweise verspürte Alwana keinen Drang zur Flucht. Sie sah dem Schauspiel einfach nur noch zu.

     Dann ein gleißender Lichtblitz ... der Einschlag – völlig geräuschlos – und nicht weit entfernt von Alwanas Position leuchtete am Horizont ein helles Licht.

     »Unglaublich ... Das ist ... Ich ... ich muss sofort nachsehen, ich ... Oder nein, ich sollte lieber hier verschwinden ... Aber was, wenn ...« Alwana war völlig durcheinander, sie versuchte, klar zu denken, und letztendlich siegten ihr Pflichtgefühl und ihre Neugier über die aufkeimende Furcht.

»Meine Aufzeichnungen habe ich ja ohnehin schon unterbrochen ...«, stellte sie nüchtern fest. »Der Auftrag, eine lückenlose Dokumentation durchzuführen, ist gescheitert ... vielleicht kann ich den Schaden begrenzen ...«, dachte sie und machte sich umgehend auf den Weg, um nachzusehen, ob noch etwas von dem Gesteinsbrocken übriggeblieben war, der auf so seltsame Weise vom Himmel gefallen war.

     Das Licht wurde zwar schwächer, je näher Alwana kam, aber es führte sie direkt zu der vermeintlichen Einschlagstelle, die sich mitten in einem Stoppelfeld befand. Alwana hatte dort einen riesigen Krater erwartet, aber es gab nur eine verkohlte Fläche von beachtlicher Größe zu sehen, von der leichter Rauch aufstieg ... Und etwas lag dort, inmitten des Zentrums.

     »Merten ... Ich muss Merten Didericus informieren, sofort«, stammelte Alwana verstört.